Nervensystem regulieren? Ja! Und nein!
Iich weiß nicht, ob du es gemerkt hast, aber ich war hier eine Weile still. Ich glaub, das liegt daran, dass mich das Thema Nervensystemregulation im Internet gerade ein bisschen … nervt. Latent ironisch als Atem- und Nervensystem-Coach, i knoooow. Aber ich hab das Gefühl (geht’s nur mir so?), dass sich das Marketing ums Nervensystem gerade überschlägt. Kaum haben wir die Phase mit „Reguliere dein Nervensystem!“ überstanden, kommt die „Hör auf, ständig dein Nervensystem regulieren zu wollen“-Welle: Keine Tools! Keine Hacks! Und bloß nicht noch eine Übung!
Und ganz ehrlich?
Ja! Und ja! Aber auch irgendwie – nein!
Hier kommen meine 50 Cent, gewissermaßen eine Huldigung an das Dazwischen. Denn so einfach isses einfach nicht! In aller Schnelllebigkeit und 3-Sekunden-Infos dürfen uns wieder mehr Komplexität zumuten! Denn natürlich ist dein Nervensystem nicht das nächste Projekt, das es zu optimieren gilt. Aber gleichzeitig ist es auch Bulls**t, so zu tun, als bräuchten wir gar keine Möglichkeiten, unseren Körper besser zu verstehen und uns in schwierigen Momenten zu unterstützen. Vor allem nicht, wenn es um Menschen im chronischen Stress geht! Denn manchmal hilft ein Tool. Manchmal hilft der Atem. Und manchmal hilft es, zu merken, dass du gerade gar nicht „schwierig“ bist, sondern dein Körper in Alarmbereitschaft – und er evolutionär gesehen um dein Leben kämpft. Denn das schafft überhaupt erst den Raum, Kapazität und Sicherheit dafür, etwas verändern zu können und Muster zu durchbrechen.
Soll heißen: Manchmal braucht es erst Regulation durch Techniken oder durch das Wiederentdecken deines Atems, um überhaupt erst an den Punkt kommen zu können, Regulation wieder als etwas Natürliches geschehen zu lassen. Und gleichzeitig geht es in meiner Arbeit mit somatischem Coaching und Atemarbeit nicht darum, dich permanent zu regulieren. Es geht darum, wahrzunehmen, was da unterhalb deines analytisch messerscharfen Verstandes aka. in deinem Körper abgeht. Zu fühlen. Unbewusstes bewusst zu machen. Und zu schauen, was brauche ich jetzt gerade?
Und vielleicht ist das in dem Moment eine Übung. Vielleicht längeres Ausatmen. Vielleicht Bewegung. Vielleicht auch einfach auf dem Boden liegen (Leute, macht das bitte!). Und hey, wie viele Sätze kann ich mit "vielleicht" noch anfangen? Einen noch: Vielleicht ist es auch die Erkenntnis, dass sich da gerade wieder deine Überlebensstrategien bemerkbar machen. Um dann von da aus in die nachhaltige Veränderung kommen zu können.
Somatische Arbeit bedeutet für mich nicht:
„Hier ist das richtige Tool für dein Nervensystem.“ 🙅🏻♀️
Sondern eher:
„Lass uns gemeinsam Sicherheit und Kapazität in deinem System wiederherstellen, um mit mehr Energie, Authentizität und Lebendigkeit durchs Leben mit all seinen Herausforderungen gehen zu können.“ 💃🏻
Und zu verstehen (verkörpert, versteht sich), was deine Bindungsmuster, deine Erfahrungen und Prägungen mit deinem heutigen Verhalten, Überzeugungen und Atemmuster zu tun haben. Welcher deiner inneren Anteile da gerade am Steuer sitzt. Und was da eigentlich diesen ständigen Stress am Laufen hält. Denn ja, so viel ist auch klar: Dein Nervensystem reagiert nicht nur auf die 10-Minuten-Übung, in der du es zu regulieren versuchst, sondern auch auf die restlichen 23 Stunden und 50 Minuten.
💥 Du kannst jeden Morgen meditieren und den Rest des Tages damit verbringen, dich selbst zu kritisieren.
💥 Du kannst 20 Minuten Breathwork machen und ansonsten den ganzen Tag unbewusst unterdrücken, was du fühlst.
💥 Du kannst den Vagusnerv stimulieren und dich hinterher wieder völlig überarbeiten.
Wir können noch so viele Übungen machen – wenn wir uns gleichzeitig (unbewusst) erzählen, dass wir uns mehr anstrengen müssen, nicht gut genug sind oder keine Fehler machen dürfen, läuft der Stressloop einfach weiter. Dem ist es nämlich egal, ob wir gerade im Büro oder auf der Yogamatte sitzen.
Vielleicht war ich deshalb still. Weil ich gerade (oder eigentlich immer) meine Zeit mehr dafür nutze, mit Menschen zu arbeiten, als ständig neue Reels darüber zu machen, ob dein Nervensystem jetzt reguliert werden möchte oder bitte auf gar keinen Fall.
Nicht alles muss immer lauter werden, nur weil wir etwas Wichtiges zu sagen haben. Manches darf auch leiser sein. Differenzierter. Komplexer.
Lass mal anfangen, dem Körper wieder zuzuhören – mehr als dem Internet.